Wenn ich gefragt werde, wo uns KI heute begegnet, antworte ich meistens: überall.
KI-generierte Bilder tauchen längst in Werbekampagnen, Newsfeeds oder Bilddatenbanken auf. Es reicht, kurz durch Social Media zu scrollen, um zu sehen, dass wir täglich von KI-Bildern oder auch mit KI-Slop überflutet werden. Wir scrollen alle hindurch, ohne zu wissen, dass kein Fotograf je den Auslöser gedrückt hat.
Am 10. November durfte ich am Departement Gesundheit der ZHAW über genau dieses Thema sprechen: „Der Umgang mit KI-generierten Bildern – Chancen nutzen, Risiken minimieren.“ Rund 90 Mitarbeitende diskutierten mit mir, wie KI die visuelle Kommunikation verändert und was das für unseren Blick auf Bilder bedeutet.
Text: Markus Mallaun
Fotos: Serpil & Markus Mallaun
Wo wir KI schon längst sehen
Ich habe Beispiele gezeigt, die viele überrascht haben: KI-Kampagnen von Mango oder Coca-Cola, Stockbilder aus der Adobe-Datenbank oder die sympathische Migros-Guetzlibox mit dem Rentier, das zu viele Beine hatte. All das sind keine Zukunftsszenarien, sondern aktuelle Realitäten.
KI-Bilder wirken auf den ersten Blick perfekt. Filmisches Licht, makellose Haut, ideale Diversity. Doch genau da liegt die Falle: zu schön, um wahr zu sein. Wer genauer hinschaut, erkennt kleine Irritationen; Hände mit sechs Fingern, Schatten, die nicht stimmen, oder Reflexionen, die keiner Lichtquelle folgen.

Wie die Technologie funktioniert
Ich habe im Vortrag gezeigt, wie diese Bilder überhaupt entstehen.
Im Kern basiert die Technologie auf sogenannten Diffusionsmodellen: Algorithmen, die aus reinem digitalen Rauschen – einem chaotischen Pixelnebel – schrittweise ein realistisches Bild formen. Sie ahmen den physikalischen Prozess der Diffusion nach, einfach rückwärts gedacht.
Aus einem Prompt wie: „Seitenansicht eines robotischen Mädchens, das im Wald vor einem Yorkshire Terrier kniet und mit einer Kamera eine Nahaufnahme macht, weiches Morgenlicht, filmischer Look“ entsteht dann ein völlig neues, statistisch wahrscheinliches Bild. Nicht die Realität, sondern eine Simulation davon.

KI-Tools und ihre Reifegrade
Heute lassen sich mit Tools wie Midjourney, DALL·E 3 oder Gemini Nano Banana Bilder erzeugen, die verblüffend real wirken. Manche verstehen komplexe Prompts, andere reagieren auf einfache Sprachbefehle in Deutsch. Je nach Anwendung reicht das Spektrum von kreativen Spielereien bis zu hochkomplexen Interfaces, die eigentlich nur noch „KI-Bild-Prompt-Ingenieure“ bedienen können.
Doch genau da beginnt Verantwortung: Wer KI-Bilder einsetzt, muss wissen, wann sie sinnvoll sind und wann sie Vertrauen zerstören.
Der KI-Bild-Kompass von Markus Mallaun
Um genau das zu klären, habe ich den KI-Bild-Kompass entwickelt – eine Entscheidungshilfe für Unternehmen, Agenturen und Kommunikationsverantwortliche. Er hilft, den richtigen Einsatzkontext zu finden, indem er drei Ebenen verbindet:
- Markenkontext: Welche Werte und Positionierung hat eine Marke – steht sie für Menschlichkeit, Präzision, Kreativität oder Technologie?
- Bildkontext: Wie emotional oder technisch soll das Bild wirken, wie abstrakt oder menschlich ist es angelegt?
- Einsatzkontext: Wo und mit welcher Reichweite wird das Bild verwendet, wer sieht es, und wie tickt die Zielgruppe.
Aus diesen Fragen ergibt sich eine klare Orientierung – von „Go for it“ bis „Check carefully“.
Nicht jedes KI-Bild passt in jeden Kontext. Und manchmal ist ein echtes Foto einfach ehrlicher.

Zwischen Faszination und Verantwortung
Ich sehe KI nicht als Gegner, sondern als Werkzeug – ein mächtiges, faszinierendes, aber auch forderndes.
Wir können damit Bildwelten erschaffen, die bisher unmöglich waren. Aber wir dürfen dabei nicht vergessen, dass Bilder mehr sind als Pixel. Sie transportieren Werte, Emotionen und Vertrauen.
KI kann simulieren, kombinieren, perfektionieren, aber sie kann keine Begegnung schaffen. Kein echtes Licht, keinen Zufall, keine Unsicherheit, die manchmal genau das Wahre zeigt.
Deshalb glaube ich, dass die Zukunft der Bildwelt nicht „KI oder echt“ heisst, sondern: bewusst entscheiden.
Wissen, wann Technologie inspiriert und wann sie ersetzt.
Wissen, wann Perfektion stört und wann sie berührt.
Denn am Ende bleibt das Entscheidende menschlich:
Vertrauen entsteht nicht im Prompt, sondern im Moment.
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